Die Neoblase

 
Zunächst wurde die Neoblase, die mittels ausgeschalteten Dünndarmschlingen ein Reservoir für den Urin bildet und auf natürlichem Weg über die Harnröhre entleert wird, nur für Männer entwickelt. Vor 1980 gab es im Hinblick auf die Anästhesie, der Intensivmedizin und der Infektionsprofilaxe keine Möglichkeit, in einem OP-Vorgang die Harnblase zu entfernen und gleichzeitig eine Neoblase aus Dünndarm als Harnableitungssystem zu fertigen, ohne das Risiko einzugehen, den Patienten während der Operation zu verlieren. Erst danach gab es durch neue Verfahren die Möglichkeit eine orthotope Neoblase (Harnblasenersatz) aus Dünndarmschlingen herzustellen und 1986 gab es weltweit die ersten Erfahrungsberichte über diese Methode, die seitdem immer öffter als Standard- Harnableitungssystem Verwendung findet. Die Gefahren der Operation sind heutzutage als gering anzusehen.Die Dünndarmersatzblase (Neoblase) kommt wegen ihres Sitz im Becken und dem Anschluss an die vorhandene Harnröhre der natürlichen Harnableitung am nähesten. Die Entleerung erfolgt mittels Bauchpresse auf natürlichen Weg.Um nach der OP jedoch eine zufriedenstellende Kontinenz wieder zu erlangen, bedarf es einer kompetenten Nachsorge, wo nicht nur die vollständige Entleerung der Neoblase, sondern auch das Halten des Urins mit Hilfe des verbliebenen unteren Schließmuskels und des Beckenboden erlernt werden muss. Die individuelle Anleitung und das konsequente Training der betroffenen Muskelgruppen bildet die Grundlage für eine rasche Rehabilitation.
 
Operationsmethode
  Nach dem Entfernen der Harnblase (beim Mann mit der Prostata, den Samenblasen - bei der Frau mit der Gebärmutter, den Eileitern und Eierstöcken und ggf. dem hinteren Teil der Scheide) wird je nach Operationstechnik ein etwa 40 - 70cm langes Stück Dünndarms (ausgehend von der zu erhaltenden Ileozökalklappe) zur Bildung der Neoblase ausgeschaltet. Der ausgeschaltete Teil wird W-förmig angeordnet, längs aufgeschnitten, um dann mit der jeweilig gegenüber liegenden Seite zu einer Platte Seit-zu-Seit vernäht zu werden. 


 

Nach der Konstruktion der Dünndarmplatte werden die beiden Harnleiter antirefluxiv durch eine Schleimhauttunnelung eingenäht. Dann erfolgt der Anschluss der Harnröhre und das Vernähen der Darmplatte zu einer Blase, nachdem zur Unterstützung der Heilung vorübergehend Ableitungen der Harnleiter und der neuen Neoblase durch die Bauchdecke gelegt werden.Nach einer Dichtigkeitsprüfung erfolgt noch das Entfernen des Blinddarmes, wenn dies nicht schon vorher geschehen ist und das Schließen der Operationsöffnung des Bauchraumes. 
 Nach der OP 
   Nach der OP wird der Patient meist in den intensiv-pflegerischen Bereich verlegt, wo seine Stabilisierung und engmaschige Pflege der verschiedenen Harnableitungen erfolgt und die anfänglichen Probleme, wie Schmerzen oder Verstopfungen behandelt werden und er wieder mobilisiert wird. In der Regel dauert diese intensive Pflege 3-7 Tage.
  Bereits auf der normalen Station wird der Patient zum richtigen Umgang mit seiner neuen Neoblase im Hinblick auf die Ernährung und des Trinkverhaltens, wie auch den verantwortungsvollen Umgang mit seiner Neoblase angeleitet.
Die krankengymnastische Mobilitätsförderung steht neben der Pflege der Harnableitungen und der notwendigen Spülungen mittels ACC zunächst im Vordergrund.Nachdem nach 12-15 Tagen die Nähte der Neoblase verheilt sind und ein Funktions- und Dichtigkeitstest erfolgt ist, wird der Harnröhrenkatheter gezogen. Nun ist die Zeit gekommen, dem Patienten die Funktionsweise der Bauchpresse zur kompletten Entleerung der Neoblase zu zeigen. Da die Neoblase zunächst ein geringes Volumen (ca. 100-150ml) hat und der Schließmuskelapparat zum Verschließen der Harnröhre nur ungenügend funktioniert, werden zunächst Vorlagen und Windeln benötigt, da immer wieder Urin austritt.Um die Harnröhre dicht verschließen zu können, bedarf es eines speziell hierfür entwickelten Training, bei dem Schließmuskel und Beckenboden auf die zusätzliche Arbeit angeregt werden. Nach der physiotherapeutischen Anleitung muss der Patient dieses Training mehrmals am Tag kontinuierlich weiterführen.
Eine vollständige Kontinenz tagsüber sollte so nach spätestens einem halben Jahr erreicht werden.Sehr zu empfehlen ist eine Anschlussheilbehandlung in einer speziellen urologischen Klinik, wo geschultes Personal zur Verfügung steht und wo den Patienten der Umgang mit der Neoblase vermittelt wird und die das primäre Ziel - Das Erreichen einer vollständigen Kontinenz - im Auge haben und die Patienten entsprechend anleiten können.Da bei etwa 30% der Patienten sich nachts der Beckenboden und der Schließmuskel der Harnröhre sehr stark entspannt und unwillkürliche Kontraktionen der Neoblase zu einem Harnverlust führen, wird bei diesen eine nächtliche Harninkontinenz auftreten, die nur durch regelmäßiges Entleeren (etwa alle 1-2 Stunden) vermindert werden kann. Hier gibt es aber Hilfsmittel, wie Vorlagen und Windeln, oder für Männer Kondomurinale mit Beutel, die eine zufriedenstellende Lebensqualität für die Betroffenen herstellen können. Neue minimalinvasive Eingriffe, bei denen ein Gel in das Harnröhrengewebe gespritzt wird, um diese zu verengen, können auch hier Abhilfe schaffen. Vorraussetzung ist jedoch, dass die Neoblase nicht zu Kontraktionen neigt, was zunächst geprüft werden muss und auch keine Verwachsungen (Stenosen) im Anschlussbereich Neoblase - Harnröhre vorhanden sind, die zu einem Verschluss der Harnröhre führen könnten.
   Komplikationen bei dem Harnblasenersatz mit Neoblase
 
  • Inkontinenz tagsüber = etwa 10%
    Inkontinenz Nachts = etwa 30%
    ab dem 60. Lebensalter bei OP-Zeitpunkt werden die Ergebnisse wesentlich schlechter (altersbedingte Inkontinenz).
  • Bei Männern tritt postoperativ oft eine erektile Dysfunktion (Erektionsverlust) auf, auch wenn hier heute “Nervenschonend” operiert wird.
  • Hyperkontinenz (Verschluss der Harnröhre) in etwa 2 – 20% der Fälle werden beobachtet, die eine Katheterisierung und ggf. Nachresektionen transurethral (TUR) erforderlich machen, wenn Verwachsungen (Stenosen) auftreten. Gerade bei Neoblasen bei Frauen tritt nachfolgend ein Abknicken der Harnröhre durch den fehlenden hinteren Halt durch fehlende Anteile der Scheide und der Gebärmutter auf, die jedoch durch neue Operationstechniken unter Verwendung von Stützgewebe vermieden werden kann.
  • In 0,5 – 5,7% der Fälle wird von einer Harnsteinbildung berichtet.
  • Oft entsteht später eine Blutübersäuerung, auch hervorgerufen durch eine übermäßige Dünndarmausschaltung zur Bildung einer Neoblase.
  • Nach etwa 3 Jahren nach der Zystektomie mit Bildung einer Neobase ist der Status vom Vitamin B12 zu überprüfen und ggf. nachzuverabreichen.
  • Nachoperative Komplikationen sind zudem Darmabknickungen und entzündliche Darmerkrankungen, deren Ursache ein großes Operationsfeld, starke Blutungen und Sekretionen während und nach der OP, zu frühzeitige nachoperative feste Nahrungsaufnahme, sowie eine schlechte Wundheilung sein können.
Neue innovative Operationsmethoden für Frauen wie für Männer
können das Komplikationsrisiko bei Anlage einer Neoblase verhindern.
Quelle: ed-und-inkontinenz.de